Positiv Denken

Warum Du Aufhören Solltest zu Versuchen, Positiver zu Denken

Ist nicht einer der häufigsten Ratschläge, die uns gegeben werden, wenn wir uns nicht so gut fühlen, „positiver zu denken“? In der Tat wird uns oft gesagt, dass persönlicher Erfolg und Glück praktisch unmöglich zu erreichen sind, wenn wir häufig negative Gedanken haben.

Ich würde dagegen behaupten, dass es einer der schlechtesten Ratschläge ist, zu versuchen, mehr positiv zu denken. Lass mich erklären, warum.

Warum ein „denke positiv“-Fokus sogar schädlich sein kann

„Kontrolliere einfach Deine Gedanken! Sei nicht so negativ, sondern denke positiver!“ Wenn das so einfach wäre, hättest Du es wahrscheinlich schon längst getan.

Vielleicht bist Du jetzt erleichtert zu hören, dass es in der Realität sehr schwierig ist, seine Gedanken zu ändern oder zu unterdrücken. Obwohl wir natürlich bewusst Gedanken „denken“ können, tauchen die meisten von ihnen völlig zufällig und von selbst in unserem Kopf auf, oft als Folge eines vorherigen Gedankens oder der Situation, in der man sich befindet. Es ist fast so, als ob unser Geist einen eigenen Verstand hätte!

Wir wissen auch, dass, wenn wir versuchen, unser Denken zu kontrollieren, indem wir einen Gedanken verdrängen, wir meist einen Rückkoppelungs-Effekt erleben. Je stärker wir einen Gedanken wegschieben, desto mehr versucht er, wieder in unser Bewusstsein zu treten. Es ist ähnlich wie der Versuch, einen Ball unter Wasser zu halten. Je weiter wir den Ball nach unten drücken, desto mehr stößt er zurück und versucht, an die Oberfläche zu kommen.

Wir haben viel weniger Kontrolle über unsere Gedanken, als wir denken

Es kann daher eine Menge Anstrengung erfordern, Gedanken aus unserem Kopf zu verdrängen. Und obwohl es manchmal möglich ist, könnte die Energie, die für das Verdrängen von Gedanken aufgewendet wird, nicht an anderer Stelle in unserem Leben nützlicher eingesetzt werden?

Die wichtige Botschaft ist also, dass wir wahrscheinlich viel weniger Kontrolle über unsere Gedanken haben, als es uns lieb ist. Es ist einfach zu verlockend, zu versuchen, unsere Gedanken zu ändern, besonders wenn deren Inhalt negativ ist, wie es bei Ärger, Sorgen oder Neid der Fall ist.

Der Schlüssel liegt darin, zu lernen, auf effektivere Weise auf die Gedanken zu reagieren, anstatt zu versuchen, sie zu verdrängen. Und hierbei besteht der erste Schritt darin, den Prozess des Denkens bewusst wahrzunehmen.

Verdienen alle Deine Gedanken wirklich Deine Aufmerksamkeit?

Wenn wir ehrlich sind verbringen wir oft unsere Tage damit, uns von unseren Gedanken durch die Gegend schubsen zu lassen. Es ist, als ob ein Gedanke allein dadurch, dass er auftaucht und in unserem Bewusstsein ist, Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient. Während dies für einige Gedanken der Fall sein mag, gibt es viele Gedanken, die wirklich keine Aufmerksamkeit verdienen, da sie schlichtweg nicht hilfreich sind.

Jeder von uns hat jeden Tag viele tausend Gedanken. Welche sind die, die unsere Aufmerksamkeit erregen? Von was für Dingen und Themen handeln unsere Gedanken meist? Welche sind die Lieblingsgeschichten, die unser Verstand uns gerne erzählt?

Während Du diesen Blogbeitrag liest, sind Dir wahrscheinlich bereits alle möglichen Gedanken durch den Kopf gegangen. Einige davon hast Du vielleicht beachtet und sogar danach gehandelt; andere hast Du wahrscheinlich einfach vorbeiziehen lassen. Aber wie hast Du die Entscheidung getroffen, welchen Deiner Gedanken mehr Aufmerksamkeit zu widmen?

Es ist nur zu leicht, diesen Prozess auf Autopilot laufen zu lassen, was normalerweise bedeutet, dass wir uns von den Gedanken leiten lassen, die gerade in einem bestimmten Moment auftauchen. Das Problem dabei ist, dass wir so im Grunde genommen fremdgesteuert handeln und verpassen, mehr die Dingen in unserem Leben zu tun, die uns wirklich wichtig sind.

Warum ist es so schwierig, die uns wichtigen Dinge zu tun?

Sich auf das zu fokussieren, was einem wirklich wichtig ist, hört sich erste einmal danach an, als ob das genau die Dinge sind, die wir auch besonders gerne tun. Dies ist aber nicht unbedingt der Fall.

Stelle Dir beispielsweise vor, es ist Dein sehnlichster Wunsch, ein Buch zu schreiben. Um dieses Projekt erfolgreich durchzuführen, musst Du Dich aber auch tatsächlich an den Schreibtisch setzen und schreiben. Und da kennen wir alle unseren inneren Schweinehund, all die Gedanken, die uns versuchen, genau davon abzuhalten wie z.B. “Heute habe ich so viel anderes zu tun, morgen ist auch noch ein Tag” oder “Ich bin nicht in der richtigen Stimmung, um etwas Kreatives zu Papier zu bringen”.

Oder stelle Dir vor, Du möchtest Deine berufliche Karriere ankurbeln und dafür ist ein Jobwechsel unausweichlich. Konkret bedeutet das, sich mit Bewerbungsschreiben rumzuschlagen und meist eher unangenehme und herausfordernde Jobinterviews durchzustehen. In diesen Situationen kannst Du natürlich ständig versuchen, “positiv” zu denken, aber gelingt das tatsächlich? Nein, wohl eher nicht, denn keiner kann Dir die Gefühle wie Sorgen oder Angst nehmen. Und das ist auch gut so, denn sie weisen oftmals genau auf die Dinge hin, die uns wichtig sind und sind deshalb ein immens wichtiger Teil eines erfüllten Lebens.

Unangenehme oder „negative“ Gedanken und Gefühle sind ganz natürlich – und wichtig

Mit anderen Worten, Situationen, in denen wir aus unserer Komfortzone heraustreten und wir eine Menge unangenehme oder “negative” Gedanken haben, sind meist auch genau solche, die uns besonders wichtig sind.

Anstatt solche Gedanken zu unterdrücken oder blindlings ihrem Rat zu folgen, der meist dazu führt, sich vor der Herausforderung zu drücken und Dinge aufzuschieben, ist es effektiver, zu trainieren, seinen Gedankenprozess zu beobachten und die Gedanken als das zu sehen, was sie sind – als mögliche Ratgeber, Werkzeuge, Informationsquellen, aber nicht unbedingt als die fundamentale buchstäbliche Wahrheit, nach der wir handeln oder der wir gehorchen müssen.

Ich möchte Dich zu einer kurzen Übung einladen, die Dir hilft, besser darin zu werden, Deine Gedanken zu beobachten.

Übung: Beobachte Deine Gedanken

Lehne Dich in einer bequemen Position in Deinem Stuhl zurück. Ich möchte, dass Du Dir eine Handlung ins Gedächtnis rufst, bei der Du etwas getan hast, das Dir wichtig ist. Etwas, von dem Du weisst, dass es Dein Leben bereichert, und das Du im Moment nicht tust. Etwas, das einen Sinn und Zweck hat.

Das muss keine immens große Sache sein, es kann auch etwas Kleines sein, wie z.B. mehr Zeit mit einem geliebten Menschen zu verbringen, öfters Freunde treffen oder mehr Sport zu treiben. Aber es muss etwas sein, das einen Schritt aus Deiner Komfortzone heraus bedeutet. Etwas, bei dem Du einen Stich Unwohlsein spürst, der Dir sagt, dass diese Handlung eine Herausforderung für Dich sein würde.

Nimm Dir jetzt etwas Zeit, um Dir wirklich vorzustellen, wie Du diese Tätigkeit ausübst. Dann beginne vorsichtig, Deine Gedanken zu beobachten, die Dir dabei durch den Kopf gehen. Nimm jeden einzelnen Gedanke wahr und registriere, um welche Art von Gedanken es sich handelt. Es könnte ein Urteil sein, eine Vorhersage oder ein Gedanke von irgendeiner anderen Qualität. Versuche nicht, den Gendanken zu verändern oder zu verdrängen. Deine Aufgabe ist nur, den Prozess des Denkens zu bemerken. Verweile so etwa fünf Minuten lang.

Was ist Dir bei dieser Übung aufgefallen? Was ist Dir an der Qualität Deiner Gedanken aufgefallen, als Du Dir etwas Zeit genommen hast, sie zu beobachten? Hast Du Gedanken bemerkt, die „positiv“ waren und Dich bei dieser Tätigkeit unterstützten? Gab es Gedanken, die Dich davon abhalten wollten und die sagten, dass Du es nicht schaffen würdest? Oder dass es Dir keinen Spaß machen würde oder dass es Zeitverschwendung wäre? Und achte dabei auf Deine Reaktion auf diese Gedanken.

Wie einfach war es, diese Gedanken einfach da sein zu lassen? Welche haben an Dir gezerrt und wollten, dass Du ihnen besonders viel Aufmerksamkeit schenkst? Hast Du einen Drang verspürt, diese Gedanken wegzuschieben oder zu verändern?

Entwickele Neugierde für Deine Denkprozesse

Denke daran, dass es bei dieser Übung nicht darum geht, bestimmten Antworten zu finden, sondern neugierig Deinen Denkprozess zu beobachten. Unser Ziel ist es, dass Du Dich dem zuwenden kannst, was Dir im Leben wichtig ist, egal welche Gedanken – negative wie positive – gerade auftauchen.

Und dabei ist das Erlernen der Fähigkeit, von Deinen Gedanken zurückzutreten und Dich von ihnen lösen zu können, zentral. Dann haben Deine Gedanken weniger Macht über Dich, Deine Handlungen automatisch zu steuern, sondern Du kannst dann wählen, ob Du ihnen Gehör schenkst und was als nächstes passiert.

Die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und Dich von Deinen Gedanken zu lösen

Die zentrale Botschaft ist also: Nur weil ein Gedanke zufällig präsent ist, heißt das nicht, dass Du nach ihm handeln musst. Demnach ist es durchaus möglich, den Gedanken zu haben: „Ich bin ein Versager“ und trotzdem eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Oder es ist möglich, den Gedanken zu haben: „Niemand mag mich“ und trotzdem zum Telefon zu greifen und mit Freunden oder der Familie in Kontakt zu bleiben.

Normalerweise braucht es ein wenig Übung, um die Fähigkeit zu entwickeln, sich vom Diktat unserer Gedanken zu lösen, denn schliesslich handelt es sich dabei um eine alte Gewohnheit. Es ist ein bisschen wie das Verschränken der Arme. Die meisten Menschen verschränken ihre Arme jedes Mal auf eine bestimmte Weise – ein Arm verschränkt sich ganz natürlich über den anderen, ohne dass man genauer darüber nachdenkt.

Es ist wie das Entwickeln einer neuen Gewohnheit

Eine neue Gewohnheit zu entwickeln ist ein bisschen so, wie zu lernen, die Arme andersherum zu verschränken. Am Anfang fühlt es sich seltsam und unnatürlich an, aber mit ein bisschen Zeit und Übung wird es immer natürlicher und geht leichter von der Hand.

Was können wir also tun, wenn wir bemerken, dass wir uns im „Gedanken-Sumpf“ befinden? Die Übung zuvor ist ein erster Schritt, zunächst einmal zu bemerken, dass dies überhaupt geschehen ist. Wir halten inne und nehmen uns etwas Zeit, um unsere Gedanken einfach wahrzunehmen.

Dir Zeit geben, zu wählen

Schon das allein kann sehr kraftvoll sein, denn genau in diesem Moment haben wir die Möglichkeit, ein wenig anders zu reagieren, als wir es normalerweise tun. Hilfreich ist es, wenn Du Dir dabei folgende Fragen stellst:

  • Was sagt mein Verstand mir in diesem Moment gerade? Sind es Worte oder Bilder?
  • Beschrifte den Gedanken: Ist es eine Wertung? Eine Kritik? Geht es um die Vergangenheit, die Zukunft oder das, was jetzt gerade passiert?
  • Wie sehr bist Du mit dem Gedanken verwachsen? Handelt es sich um eine alte Geschichte? Bist Du dabei offen und fühlst Dich lebendig? Oder bist Du verschlossen und fühlst Dich eingeengt?
  • Ist das, was Deine Gedanken sagen, hilfreich? Mit anderen Worten, was ist in dieser Situation am wichtigsten – die Aufgabe zu erledigen, die vor Dir liegt, oder Recht zu haben?

Indem Du Dir solche Fragen stellst, schaffst Du Dir Raum zum Handeln. Natürlich kannst Du Dich auch dazu entscheiden, dem Drang Deiner durch den Gedanken provozierten Gefühle nachzugeben und beispielsweise gereizt oder ängstlich zu reagieren. Das ist völlig ok; wichtig ist, dass Du Dich entscheiden kannst und nicht abhängig bist von Deinem Gedanken-Autopilot.

Und was ist mit positiven Gedanken?

Bis jetzt haben wir vornehmlich über „negativen“ Gedanken gesprochen. Diese sind in der Regel leichter als nicht hilfreich zu erkennen und wir wissen, dass sie uns im Leben eher ausbremsen.

Aber was ist eigentlich mit den vermeintlich erstrebenswerten “positiven” Gedanken? Sind diese wriklich so vorteilhaft, so dass wir es uns zu unserer Aufgabe machen sollten, die negativen Gedanken durch positivere zu ersetzen?

Ein klares „Nein“, denn auch so genannte „positive“ Gedanken können als Hindernis für effektives Handeln wirken. Zum Beispiel könnte sich jemand in den Gedanken verbeißen, dass er der beste Chef oder die beste Chefin sei, die es je gab. Oder noch viel subtilere positive Gedanken, die wir alle in der einen oder anderen Form in uns finden wie „Ich bin ein toller Elternteil“ oder „Ich bin ein netter Mensch“ oder „Ich bin ein guter Partner“.

Diese Gedanken mögen in vielen Fällen wahr sein. Aber was ist, wenn sie es nicht immer sind? Wenn wir zu sehr an solchen Gedanken festhalten und mit ihnen verschmelzen, kann uns das daran hindern, wichtiges Feedback zu hören und uns gegebenenfalls zu ändern.

Zusammenfassung

Wir können unsere Gedanken nicht besonders gut kontrollieren, egal ob sie positiv oder negativ sind. So funktioniert unser Gehirn nun einmal. Es geht also nicht darum, negative Gedanken nicht zu haben oder zu versuchen, in positive umzuwandeln.  Wichtig ist, wie wir zu diesen Gedanken stehen. Es steht uns frei, ob wir ihnen Wichtigkeit beimessen und nach ihnen handeln, oder ob wir anders handeln.

Deine Gedanken können Dir wichtige Informationen liefern, aber es ist immer besser, die Inhalte mit ein wenig Abstand zu betrachten. So hältst Du Dir die Möglichkeit offen, Dich so zu entscheiden, wie Du es in einem bestimmten Moment für richtig hältst, anstatt Dich blindlings von Deinen Gedanken und Emotionen leiten zu lassen.